Eine Diskussion angeregt im Forum bei united-photographers und fortgesetzt in der Mailingliste bei FreeLens ist jetzt gelandet im Photopoolblog:
"Wie Blöd ist Berlin?" fragt im Forum von united-photographers der Berliner Fotograf Helmut Baar:
Kostenlose Bildangebote im Web nehmen vielen Fotografen die Wurst vom Brot, aber was soll man davon halten, wenn der eigene Staat seine Fotografen (und Steuerzahler) brotlos macht, wie im Falle Berlin. Wer mit Berlin Stock Fotos sein Geld verdient, hat seit geraumer Zeit vom Presse- und Informationsamt des Landes Berlin eine knallharte Konkurrenz. Da wird unter der URL:
http://www.berlin.de/tourismus/berlin-in-bildern/index.php
ein umfangreiches Bildangebot in´s Web gestellt, das zur kostenlosen Nutzung für Medienschaffende angeboten wird. Mit nur 3 Klicks kann man sich hochaufgelöste Bilddaten (DIN A5 bis DIN A4) downloaden, die Nutzungsbedingungen bestehen lediglich aus einem Dreizeiler.
Die Auswirkungen sind klar und gravierend: Fotografen, die auf diesem Gebiet arbeiten, haben drastische Umsatzeinbrüche. Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen, dass Anfragen stark zurück gegangen sind, seit das Bildangebot bei Google auf der ersten Seite ausgeworfen wird. Kunden haben bei mir sogar Anfragen zurückgezogen, mit dem Hinweis, dass man nun etwas kostenloses gefunden hat. Nach meiner Auffassung mischt sich hier der Staat bzw. die Senatskanzlei Berlin in die private Wirtschaft ein, das Bildangebot sollte sofort entfernt werden. Fotografien sind ein Wirtschaftsgut wie alles andere und dürfen nicht kostenlos vergeben werden, schon gar nicht, wenn davon Existenzen abhängen. Berlin ist hier mal wieder negatives Beispiel, wie naive Politik zu Lasten der Bürger gemacht wird.
Dieser Eintrag wurde nun bei Freelens kräftig diskutiert, so meinte Marco Urban, der ja auch im FreeLens-Vorstand ist:
Die Problematik ist ja nicht ganz neu. Allerdings wird das Presse- und Infoamt der Stadt Berlin auch nicht durch einen Beitrag in einem Fotografenforum sensibilisiert. Besser ist es, man schreibt mal einen höflichen Brief und macht mal auf die Situation aufmerksam. Die Andere Seite denkt manchmal nicht so weit, wenn sie Ihre Bilder kostenlos offeriert, in diesem Fall auch mit Nutzungsbedingungen, die schlicht Fahrlässig sind.
Ein anderer FreeLenser meinte sogar, dass sich der Stern schon bei den kostenlosen Bildern bedient hatte. Achim Duwentäster hat die Kosten mal nachgerechnet:
Ich hätte nicht gedacht, dass sich die Stadt Berlin 136 Fotos mit allen redaktionellen Nutzungsrechten und Weiterverbreitung leisten kann. Das sind nach MFM 2006 immerhin 1500,00 Euro pro Foto.
Ganz unaufgeregt meint ein alter Hase der Reisefotografie:
Verehrte Kollegen, dass die Stadt oder das Land Berlin Interessierten kostenlos Bildmaterial zur Veröffentlichung zur Verfügung stellt, ist ja nun kein großer Akt. Das machen wohl alle einigermaßen größeren Touristenmagneten. Die Fotografen, die diese Bilder verkauft haben (oder den Auftrag hatten) sind hoffentlich anständig/angemessen honoriert worden.
Das bleibt zu hoffen. Da es sich aber bei den meisten Bildern um Aufnahmen einer Firma FTB-Werbefotografie handelt ist eigentlich davon auszugehen, dass die Bilder extra zu diesem Zweck produziert worden sind. Da man das ganze nicht auf sich beruhen lassen sollte meldete sich Marco Urban nochmal zu Wort:
Betroffene Kollegen - also die legendären Berlin-Knipser, die hier Ihren Umsatz schwinden sehen - tun sich zusammen und schreiben dem Chef der Presse- und Informationsamtes einen Brief.
Sehr höflich, versteht sich, sollte darauf hingewiesen werden, dass man die heimische Wirtschaft weitaus stärker fördern könnte, wenn man
- die Anzahl der frei downloadbaren Motive auf ein Minimum reduzieren würde,
- die Nutzung dieser Downloads besser kontrolliert würde (sprich Einzel-Abruf mit Begründung und Belegexemplar),
- und für mehr Motivauswahl Links zu den entsprechenden Bildarchiven herstellen würde.
Es sollte auch darauf hingewiesen werden, wie wenig hier gegen missbräuchliche Nutzung vorgegangen werden kann. Die Nutzungsbedingungen sind natürlich unzureichend und das ganze Verfahren ziemlich gutgläubig.
Es ist sehr gut möglich, dass sich die Entscheider im Amt der Sache gar nicht so bewusst sind. Hilfreich könnte auch der Hinweis auf das neue Urheberrecht sein, nach dem eine angemessene Bezahlung gewährleistet sein muss - das ist hier - mangels Kontrolle gar nicht möglich. Dies aber bitte noch mal nachlesen.
Erfreulich wie diplomatisch Marco sich hier äußert. Wobei meines Erachtens die ganze Aufregung in der Form so gar nicht nötig ist. Denn die Berliner Seite verbreitet die Bilder auf einer unübersichtlichen Webseite mit unkomfortablen Download ohne richtige Betextung oder Suchfunktion, aber mit klarem Hinweis dass die Bilder nicht "kommerziell" verwendet werden dürfen und man sich sonst an den Urheber wenden muss. Was sicher nicht gut kontrollierbar ist, aber jeder wird wenigstens darauf hingewiesen, dass...
Wie arbeiten denn die restlichen Tourismusbüros im Lande? Wieso bekommen denn die deutschen Reisefotografen kaum noch Bilder unters (Redaktions)Volk? Was machen denn die Zeitschriften, Zeitungen und Magazine, wenn sie Bilder einer Region/Stadt brauchen? Sie rufen doch immer erst beim entsprechenden Tourismusbüro an und fragen: "Habt ihr nicht ein paar schöne Bilder für uns?"
Und die bekommen sie natürlich gerne, denn es ist ja schließlich 'ne Ware, die die verkaufen. Wenn ich Bilder von Adidas Schuhen will, ruf ich doch auch erst mal da an. Und was ist mit der ganzen Automobilbranche? Was drucken denn die Zeitungen? (Mal abgesehen von ams und Autobild) Doch nur PR Fotos oder?
Oder gehn wir noch einen Schritt weiter, soll ich gegen dpa, ddp, reuters und AP... klagen oder böse Briefe schreiben, weil die mir als "kleinem" Fotografen den Markt kaputt machen und plötzlich auf jeder Hauptversammlung und jeder Bilanzpressekonferenz auftauchen, manchmal sogar mit zwei Mann und bleiben bis zum Schluss - und dann machen sie sogar noch gute Bilder ;-) !
Das war aber früher nicht so!! Da sind die zu sowas gar nicht hin oder wenigstens nach 10 Minuten gegangen und ich hatte alle Ruhe und konnte meine Bilder machen (und verkaufen!!) - was hab ich da heute noch für eine Chance? Oder gegen Bloomberg, die die Bilder wohl nur als Verkaufshilfe für Ihren Finanzdienst sehen...
Und was hörte ich neulich von PHOTOPOOL-Mitglied Thomas Gaulke, die BerufsFeuerwehr München bietet jetzt auch schon ihre Bilder an - kostenlos natürlich....
Der Markt veraendert sich! Nicht nur in Berlin. Und wir müssen lernen, damit umzugehen und uns entsprechend zu positionieren.
Ich kann jetzt nur noch schliessen mit noch einem Zitat von Marco Urban:
Aber das muss einen ja auch nicht hindern, darum zu bitten, diese
Praxis zu ändern. Die Gründe sind auch für die Tourismus-Büros einleuchtend:
- Die Geschichten werden auch geschrieben, wenn die Bilder nicht umsonst sind, die ortsansässigen Kreativen sollten natürlich unterstützt werden,
- über eine Kooperation könnten die Tourismusbüros mit den Fotoagenturen verlinkt werden,
- im Gegenzug könnten die Fotoagenturen wechselnde Bilder zu Vorzugskonditionen ohne Download-Funktion, also nur zum Anschauen, zur Verfügung stellen.
Darüber lässt sich reden. Die Qualität des Bildmaterials wird
gesteigert, die Kosten werden gesenkt.
Und Kostensenkung war schon immer das beste Argument, oder? ;-)
Die begleitenden Bilder stammen überigens alle aus dem PHOTOPOOL und zwar von den Fotografen und Agenturen Bilderbox, Hans-Günther Oed und Thomas Geiger

Hallo, da ich der Auslöser dieser kleinen Eruption war, möchte ich mich noch mal kurz zu Wort melden.
Was mir bei der Diskussion auffällt, ist, dass einige Kollegen, Privatwirtschaft und Staatswirtschaft hier nicht trennen. Ich möchte nur kurz erwähnen, dass wir in einem kapitalistischen System leben, das heisst für mich sehr vereinfacht, der Staat hält sich aus der Wirtschaft überwiegend raus, dafür kassiert er unsere Steuern. Wie sähe es denn aus, wenn , nehmen wir gerne wieder Berlin, die Stadt damit anfinge Touristenrundfahrten kostenlos anzubieten. Das brächte ja auch eine gute Werbung für die Stadt... Ich bin jedoch davon überzeugt, dass die Busunternehmer unverzüglich auf die Barrikaden gehen würden. Auch in unserm Fall der Berlin Fotos hat der Senat es zu unterlassen, eine kostenlose Verteilung an kommerzielle Unternehmen zu organisieren. Letztendlich ist jeder Download, der auf dieser Seite stattfindet, ein Verlust für Berliner Fotografen bzw. deren Fotoagenturen und wenn wir noch weiter denken ist jeder Download gleichfalls ein Verlust für die Staatskasse, weil keine Steuerabschöpfung mehr stattfindet. Die Märkte ändern sich, dass ist klar, wenn Fotografen ihre Fotos billig abgeben, ist mir das egal, das ist Markt... wenn jedoch der Staat hier eingreift und kostenlos rauswirft, ist das eben kein Markt. Für meinen Geschmack dürfte die Stadt lediglich eine Linksammlung auflisten, wo man entsprechendes Bildmaterial beziehen kann. Gerne bin ich bereit ein Schreiben an die Stadt zu unterstützen, das auffordert, das Angebot einzustellen. Kollegen können sich über www.united-photographers.com bei mir melden.
Kommentiert von: Helmut Baar | 21. April 06 um 17:40 Uhr
Auch ich lebe zum Teil von Veröffentlichungen meiner Berlin-Fotos (z. Beispiel über die Agentur Schapowalow).
Ich bin dafür, den gesammelten Protest der Kollegen mit der nachvollziehbarsten Erläuterung den Verantwortlichen des Landes Berlin bald zukommen zu lassen.
Vielleicht ließe sich ein Treffen arrangieren; vielleicht kann man einen Kompromiss finden.
Es könnten zum Beispiel die Nutzungsbedingungen für die Bilder so verändert werden, daß ein fester Betrag gezahlt werden muß. Der dann zur Unterstützung von Fotografen, der touristenförderlichen Ansehnlichkeit Berlins o.ä. ausgegeben werden kann..
Kommentiert von: René Menges | 22. April 06 um 13:16 Uhr